Who is teaching us how to keep each other safe?

Who is teaching us how to keep each other safe?

14.01.2022 – 25.02.2022

Wer bringt es uns bei, Sicherheit füreinander herzustellen?

Von dieser titelgebenden Frage ausgehend ist die Einzelausstellung von die Blaue Distanz (Anna Erdmann und Franziska Goralski) entstanden. Die Blaue Distanz, die sich in ihrer gemeinsamen künstlerischen Praxis unter anderem mit dem Thema "power of place“ und einer kritischen Befragung der Machtstrukturen räumlicher Gegebenheiten befassen, beschäftigten sich mit dem Kehrwiederturm und dessen örtlichen Gegebenheiten. Das Banner, das an diesem mittelalterlichen, ehemaligen Wachturm der Stadtmauer Hildesheims gezeigt wird, nimmt Bezug auf aktivistische Forderungen für gesamtgesellschaftliche Sicherheit und Solidarität und hinterfragt in diesem Zusammenhang auch das Systems der Gefängnisstrafe. Die Nähe des Kehrwiederturms zu der JVA für Frauen ist der Anlass, einen Bezug zu aktivistischen Bestrebungen wie dem Transformative Justice Movement (Bewegung für transformative Gerechtigkeit), zur Philosophie des Abolitionismus sowie zur Gefängniskritik herzustellen.

Diesen Bewegungen ist gemein, dass sie es sich zum Ziel gesetzt haben, die Idee einer gerechten, diskriminierungsfreien Sicherheit für alle in der Gesellschaft intersektional und grundsätzlich machtkritisch zu denken. Denn das bestehende Gefängnissystem kann nicht zuletzt im Hinblick auf das Reproduzieren von Rassismus, hohe Rückfallquoten und die Frage nach der Wirksamkeit in der Gewaltprävention kritisiert werden. Abolitionistische (d.h. die bestehenden Polizei- und Gefängnisstrukturen grundsätzlich hinterfragende) Ansätze wie auch die Bewegung transformativer Gerechtigkeit versuchen, die Bedingungen von Gewalt zu verstehen und zu verändern. Die Kulturwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson formuliert es so: „Niemand von uns steht außerhalb von Gewalt. Auch wenn die Dimensionen graduell unterschiedlich sind, sind wir alle – in diesen rassifizierten, vergeschlechtlichten, kapitalistischen Verhältnissen – Leute, die Gewalt ausüben und Gewalt erfahren. Wir alle wachsen in einer Gesellschaft auf, die sehr stark auf Bestrafungen setzt – anstatt zu schauen, was sind eigentlich Ursachen für Gewalt.“ Das Ausüben von Gewalt wurzelt demnach oft in eigenen Gewalterfahrungen. Der Kern des Abolitionismus bestehe deshalb darin, „auf Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt zu reagieren. Sprich: andere, emanzipatorische, transformative Umgangsweisen mit Gewalt zu finden.“[1]

Es geht dabei um keine reine Abschaffung, sondern um eine Neuerfindung von Institutionen wie Polizei und Gefängnis. Und zwar nicht im Sinne einer einzigen Lösung, sondern durch das Einbeziehen verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche, wie etwa Gesundheitsversorgung, Drogenpolitik oder den Kampf gegen patriarchale und rassistische Strukturen – im Sinne einer Demokratiebewegung.

Einige Ideen und Gedanken von Aktivist*innen, ehemaligen Insass*innen, Theoretiker*innen und Mitarbeiter*innen des Strafvollzugs finden auf dem großen Banner Platz, das die Blaue Distanz außen am Kehrwiederturm in Richtung der JVA Hildesheim installiert haben. Sie greifen dabei ein Motiv auf, das an der Innenmauer im Hof dieses Gefängnisses zu sehen ist: Eine Wandmalerei, die durch einen Mauerdurchbruch das Meer zeigt. Diese Symbolik, die ein „Drinnen“ und „Draußen“ sehr klar voneinander abtrennt und dabei suggeriert, das „Draußen“ wäre frei von alldem, womit die Menschen in den Gefängnissen zu tun haben, steht im Gegensatz zu den Überlegungen der oben genannten Bewegungen. Die Möglichkeit eines Denkens abseits solcher binärer Einteilungen und hin zu einem nicht-ausschließenden, gemeinschaftlicheren Denken findet sich auch im Online-Teil der Ausstellung wieder. Hierbei handelt es sich um die grafisch umgesetzte Idee eines Wertesystems, das Aspekte gemeinschaftlichen, machtkritischen Zusammenlebens, wie etwa Kollaboration, Respekt, Vertrauen und Akzeptanz in den Fokus stellt: Die Künstler*innen haben hier unter dem Titel Non-Binary Value Chart (etwa: nicht-binäres Wertesystem) eine Grafik entwickelt, die in einer nicht-statischen Anordnung Aspekte von „commonity“ zeigt: Community, also Gemeinschaft, aber mit mehr „common“, also gemeinsamem Aushandeln, Tun, Teilen etc.

[1] Vanessa E. Thompson in: „Gewalt nicht mit Gewalt beantworten. Philosophie des Abolitionismus.“ Radiofeature, Deutschlandfunk Kultur. Aus der Sendung: Sein und Streit, 7.2.2021, abrufbar unter:   https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophie-des-abolitionismus-gewalt-nicht-mit-gewalt-100.html

die Blaue Distanz (Anna Erdmann und Franziska Goralski)

Seit Anfang 2016 arbeiten Anna Erdmann und Franziska Goralski künstlerisch unter dem Namen „die Blaue Distanz“ zusammen und begreifen diese Zusammenarbeit als aktiven Schritt gegen die Vereinzelung im Berufsfeld der Kunst und Kultur. In ihrer Zusammenarbeit fließen ihre beiden inhaltlichen Schwerpunkte, bei Franziska Goralski Handlungspotential, bei Anna Erdmann Architektonisches als Schwellenmoment, zusammen.

Sie beschäftigen sie sich mit Identitätsbildung, weiblichen* Vorbildern, digitalem Feminismus, queeren Lebensweisen, Selbstdarstellung als künstlerischer Intervention und dem Sichtbarmachen unterrepräsentierter Entscheidungen. Die inhaltlichen, Recherche basierten Ansätze münden in konzeptuell bedingte, medienübergreifende Werke und involvierende Settings.

Aktuelle Umsetzungsformen ihrer künstlerischen Praxis sind die Gestaltung von hierachie-armen Räumen, die Erfindung von partizipativen Zeremonien und Exercises und die Konzeption eines zukünftigen, queer-feministischen Gemeinschafsortes.Angereichert von einem durch den DAAD geförderten Rechercheaufenthalt in Los Angeles, bei dem sie zur emanzipatorischen Kraft von „Power of Place“ - besonders für minorisierte Gesellschaftsgruppen - recherchiert haben, beschäftigten sie sich in ihrem Masterstudium am Sandberg Institut Amsterdam mit Zukunftsvisionen und Commoning - der aktiven Praxis um Gemeingut und Gemeinschaft - aus queeren/feministischen Perspektiven.

 

 

Die Ausstellung wurde von Nora Brünger kuratiert und zusammen mit dem Ausstellungsteam durchgeführt.

AUSSTELLUNGSTEAM
Theresa Tolksdorf (kuratorische Assistenz), Maria Nesemann (Leitung Kunstvermittlung), Christian Thomas (Mitarbeit Kunstvermittlung), Nina Toledano (Praktikum)
Ausstellungsaufbau: Maren Pfeiffer und Claudio Giesen 

Vielen Dank an die Feuerwehr der Stadt Hildesheim für die Unterstützung!