Bahala Ka [What do I know?]

Bahala Ka [What do I know?]

Lizza May David
27.06.2020 – 09.08.2020

Anstelle einer Eröffnungsfeier reguläre Öffnungszeiten ab 27.6.2020 (Künstlerin und Kuratorin sind am ersten Öffnungstag anwesend)

[english version]

In ihrer Einzelausstellung Bahala Ka [What do I know?] zeigt Lizza May David auf zwei Etagen des Kehrwiederturms eine fokussierte Auswahl klein- und großformatiger Ölgemälde, die vor Ort entstehen, die sich während der Ausstellungsdauer im Trocknungsprozess befinden und entsprechend verändern werden. Inspirationen für diese neuen Arbeiten zieht sie aus Texten über die vorkolonialen Philippinen. Die Gemälde bergen keine konkreten Repräsentationen, sondern bilden abstrakt-körperliche Verdichtungen, die ihre Betrachter*innen auf die je eigenen Begriffs- und Urteilskategorien zurückwerfen. Sie sind verbildlichte Imaginationen von Nicht-Zeit und Nicht-Ort die durch die zirkulierende Luft im Kehrwiederturm eine neue Verortung finden.

Aus der Auseinandersetzung mit dem Kanon von Kunst- und Wissensproduktion verschiedener geografischer Regionen und der Hinterfragung akademischer Wissensproduktion heraus hat Lizza May David 2020 für die Ausstellung „Untitled Painting Nr. 1-∞“ in Manila Arbeiten entwickelt, die sich mit dem Konzept des Nicht-Wissens und der Unendlichkeit von Raum im Verhältnis zum Körper beschäftigen. Dabei ging sie von Bildern aus, die die philippinischen Erdbeobachtungssatelliten „Diwata-2“ produzieren. In der philippinischen Mythologie bezeichnet der Name des Satelliten, „Diwata“, die „Behüter des Himmels“. Die Künstlerin vereinte in diesen Arbeiten die Auseinandersetzung mit der Perspektive des Blicks (von oben, maschinell vermittelt) mit Subjektivitätserfahrungen in der Malerei. Ihre Beschäftigung mit dem Nicht-Wissen/Unknown ist nunmehr als wichtiger Ausgangspunkt und Fokus in ihren Arbeiten zu verstehen.

Der Ausstellungstitel setzt sich sowohl aus einem Verweis auf das Nicht-Wissen („What do I know?“) als auch aus dem Ausdruck „Bahala ka“ zusammen, der sowohl auf eine große Zahl verweisen (Bahala: Hundert Millionen) als auch „Ich überlasse es dir“ (Bahala ka) bedeuten kann.[1] Ein Ausdruck, der durch seine Vieldeutigkeit sowohl über vorkoloniale mathematische Nummerierung als auch über das Bemessen von Wert und Zuschreibungen gesellschaftlicher Verantwortung erzählt.


Lizza May David interessiert sich in ihren Arbeiten für Affekte und Momente, die sich der Darstellbarkeit entziehen und gerade deshalb immer wieder aufs Neue zu experimentellen Annäherungsversuchen führen. Dabei geht sie nicht von bestehenden binären Vereinfachungen der Welt aus, sondern vielmehr vom relationalen Denken in Kreuzungen, Wendepunkten, Überschneidungen und Verzweigungen. Ihre künstlerischen Ausdrucksformen der Malerei und Zeichnung erweitert sie oftmals um filmische Elemente und schafft auf diese Weise raumgreifende Installationen. Es sind Fragen nach Identität, Arbeit, Migration und verschiedenen Formen des Erinnerns und des (Nicht-)Wissens, denen die Künstlerin Artikulation verleiht.

 

Lizza May David (1975, Quezon City, Philippinen) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, der École nationale supérieure des beaux-arts de Lyon (Frankreich) und an der Universität der Künste Berlin.

 

[1]„Bahala“ bedeutet im Tagalog des 16. Jh. „Hundert Millionen“ {Noceda & San Lucar,1754, zitiert von Jean-Paul G. Potet}. Nach Ricardo Manapat wird bei Zahlen mehr als Hundert Millionen „Bahala ka“ (=„Ich überlasse es Dir“) verwendet {Francisco Blancas de San Jose, Arte y reglas de la lenqua Tagala,1610, zitiert in Manapats Mathematical Ideas, 332}. Weiter bedeutet „Bahala“ in der Schöpfungsgeschichte Luzons „Gott des Himmels“ und verweist auf ihren Ursprung im Sanskrit als  „bhará“ (=Verantwortung, Gewicht, Bürde).

Abbildung oben:
Öl auf Stretchfolie (Trocknungsphase) - Recherchematerial für die Ausstellung Bahala Ka [What do I know?], 2020, (c) Lizza May David

Abbildungen unten:
Luftzirkulation Axonometrie 1&2, Kehrwiederturm-Zeichnungen auf Kunstdruckpapier, 2020, (c) Lizza May David